INTERVIEW BRENNPUNKT: Neben dem Aktionstag hat die IG Metall sich bereits im Vorfeld der Bundes- tagswahl eingemischt. Wie schätzt ihr jetzt das Maßnahmenpaket der neuen Bundesregierung ein? Werden die Forderungen der IG Metall aufgegriffen? Tamara: Wir begrüßen das Finanzpaket, insbesondere das Sondervermögen und die Reform der Schuldenbremse. Diese Maß- nahmen sind ein guter, erster Aufschlag, der viele unserer Forderungen widerspiegelt. Dazu gehören der Ausbau des Netzes, Kaufanreize für E-Mobilität sowie die Unterstützung der Halbleiter- und Batterieproduktion. Allerdings sind die Maßnahmen in den Sondierungspa- pieren grundsätzlich nur grob umrissen. Besonders die Förderung der Dekarbonisierung ist bisher nur schwach beleuchtet, insbesondere die Auswirkungen und Möglichkeiten für die Menschen kommt hier noch deutlich zu kurz. Hier erwarten wir detailliertere und konkretere Schritte. Klar ist, dass die wirtschaftliche, gesell- schaftliche und geopolitische Situation Weitblick erfordern. Dazu zählt auch, dass Investitionen in technische und industrielle Infrastruktur, Sicher- heit und Verteidigung nicht zu Lasten von Sozial- leistungen gehen dürfen. Antonio: Das Sondervermögen für Infrastruktur beurteilen wir grundsätzlich positiv, auch wenn die Details noch unkonkret sind. Es ist wichtig, dass eine gute Balance zwischen Investitionen in öffentliche, industrielle und soziale Infra- struktur gefunden wird. Im Sondierungspapier ist bisher noch keine Umverteilung erkennbar, was wir kritisch sehen. Zudem gibt es Eini- gungen, die zulasten von 06 BRENNPUNKT EXTRA - MÄRZ 2025 Bürgergeldempfänger:innen und Migrant:innen gehen. In der Arbeitsmarktpolitik begrüßen wir das Bekenntnis zur aktiven Arbeitsmarktpolitik, auch wenn die Formulierungen noch unkonkret bleiben. Positiv hervorzuheben sind die geplante Erhöhung des Mindestlohns auf 15 Euro, die Stärkung der Mitbestimmung und Tarifbindung durch ein Bundestariftreuegesetz sowie die Verbesserung der frühen Berufsorientierung. Der Fokus des Sondierungspapiers liegt jedoch auf dem Rückbau des Bürgergeldes zu einer Grundsicherung für Arbeitssuchende. Dies beinhaltet unter anderem die Wiedereinfüh- rung des Vermittlungsvorrangs und den voll- ständigen Leistungsentzug bei wiederholter Arbeitsverweigerung. Hier sehen wir noch erheblichen Diskussionsbedarf, um eine faire und nachhaltige Lösung zu finden. Liane: In der Arbeitszeitpolitik und im Gesund- heitsschutz begrüßen wir zwar die Verbesserung der Barrierefreiheit am Arbeitsplatz. Eine Ab- schaffung des 8-Stunden-Tages zugunsten einer wöchentlichen Höchstarbeitszeit sowie die steu- erliche Förderung von Mehrarbeit sehen wir aber kritisch. Überlange Arbeitszeiten stellen ein Gesundheitsrisiko dar und stärken nicht die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Auch Arbeiten im Alter und eine sichere Rente sind ebenfalls wichtige Punkte für uns. Schon heute bestehen weitreichende Möglichkeiten, über die Regelaltersgrenze hinaus zu arbeiten. Der Fokus sollte jedoch auf guter alter(n)sgerechter Arbeit liegen. In der Alterssicherung setzen wir uns für die Stabilisierung des Rentenniveaus ein. Der Erhalt der Rente nach 45 Beitragsjahren, auch bekannt als „Rente mit 63“, ist für uns von großer Bedeutung. Ebenso sprechen wir uns deutlich für eine umfassende Erwerbstätigen- versicherung aus. Bisher sehen wir hier aber nur einen kleinen Schritt in diese Richtung. BRENNPUNKT: Was wird die IG Metall ihrerseits tun, um auch nach dem Aktionstag Politik und Wirtschaft in die Verantwortung zu nehmen? Wie bringt ihr euch als Geschäftsstelle Stuttgart ein, sind weitere Aktionen oder Initiativen ge- plant, um die Themen des Aktionstags weiter voranzutreiben? Liane: Ohne die beharrliche Arbeit der IG Metall wäre der Paradigmenwechsel, den die Sondie- rungspapiere zeigen, in der Politik nicht möglich gewesen. Wir werden weiterhin an dieser Be-