INKLUSION Henry zeigt, wie Inklusion gelingt In einer inspirierenden Geschichte, die zeigt, wie Inklusion und Engagement Hand in Hand gehen können, hat der 16-jährige Henry, ein blinder Schüler der Nikolauspflege in Böblingen, ein einwöchiges Praktikum im Mercedes- Benz Werk Sindelfingen absolviert. Alles begann zufällig auf einer Betriebsversammlung, als Tomas Grill, Henrys Vater, mit IG Metall-Betriebs- rätin Dimitra Koemtzidou ins Gespräch kam. „Wir haben uns über verschiedene Themen unterhalten und irgendwann kam das Gespräch auf meinen Sohn Henry“, erzählt Tomas Grill. „Er ist blind und sucht dringend nach einem Praktikumsplatz. Leider haben wir viele Absagen erhalten, weil sich die Unternehm- en nicht zutrauen, einen blinden Praktikanten aufzu- nehmen.“ „Ich finde, wir müssen mit gutem Beispiel voran- gehen und auch mal etwas wagen, sonst hat man doch schon verloren. Und nachfragen, ob man et- was möglich machen kann, kostet nichts. Dass es am Ende so gut geklappt hat, freut mich umso mehr“, so Dimitra. Sie setzte sich nämlich direkt mit anderen Betriebsräten und der HR-Abteilung in Verbindung. Schnell wurde der Kontakt zur Aus- bildungsabteilung hergestellt. Patrick Jungk, Aus- bilder im Werk Sindelfingen, war sofort bereit, Henry eine Chance zu geben. „Ich habe mir Ge- danken gemacht, was ein guter Auftrag für Henry wäre“, sagt Jungk. „Von Anfang an war klar, dass wir gut vorbereitet in die Sache gehen müssen.“ Erfolgreiches Praktikum im Werk Sindelfingen Henry navigiert durch sein Gehör und benötigt Ruhe zum Arbeiten. Mit seinem Blindenstock orientiert er sich sicher durch den Raum. Wäh- rend seines Praktikums im Bereich Ausbildung Fachinformatiker arbeitete er eine Woche lang mit den Auszubildenden Nikola Lutz und Niklas Lazar aus dem zweiten Lehrjahr zusammen, die ihn angeleitet und unterstützt haben. „Unser Auf- trag war es, eine Website zu programmieren, die sowohl für Blinde als auch für Sehende funktioniert. Ich wollte gerne eine Seite über meinen Hund Lotta erstellen“, erklärt Henry begeistert. „Die Bilder auf der Seite sind mit unsichtbarem Text hinterlegt, der 34 BRENNPUNKT - DEZEMBER 2024 das Bild für Blinde beschreibt. Auch das haben wir so programmiert.“ Mit einer speziellen Tastatur und dem Programm JAWS, das ihm alles vorliest, was auf dem Bildschirm steht, konnte Henry schnell Fort- schritte machen. „Am Anfang haben wir uns schon gefragt, wie wir das hinkriegen“, gestehen Nikola Lutz und Niklas Lazar. „Aber Henry hat eine super Auffassungsgabe und hat schnell gelernt. So konnten wir richtig schnell mit der Seite vorankommen und hatten sogar noch Zeit, ihm andere Inhalte unserer Ausbildung zu erklären.“ Patrick Jungk ist stolz auf die Leistung des Teams: „Henry konnte gut beschreiben, wie die Seite aussehen muss – genau das braucht man beim Coden. Die Aufgabe haben sie aus meiner Sicht super gelöst.“ Er betont auch die Bedeutung der Zusammenarbeit: „Unsere Entwickler im Unter- nehmen müssen auch hören, verstehen und dann übersetzen – genau das, was Henry hier machen musste. Ich könnte mir das gut für seine Zukunft vorstellen.“ Zudem hebt er hervor: „Wir konnten von Henry auch etwas lernen und neue Aspekte beim Coden einbringen, die uns so vorher gar nicht aufgefallen sind – also eine echte Win-Win- Situation.“ Ausbilder Patrick Jungk, Azubi Niklas Lazar, Praktikant Henry Grill und Azubi Nikola Lutz (v.l.n.r.) bei der Übergabe des Praktikumszertifikat 09